Unverhofft kommt oft – unsere ungeplante Hausgeburt

Nachdem die große Schwester per Kaiserschnitt zur Welt kam, war hier in Belgien an eine außerklinische Geburt nicht zu denken. Um nicht zu lange im Krankenhaus sein zu müssen, war schnell die Idee geboren, dass die Hebammen während der Eröffnungsphase zu uns kommen und uns dann kurz vor knapp ins Krankenhaus schicken – aber es kam alles anders. 

Nachts um 2 wurde ich wach und musste so schnell meine Kugel mich ließ aufs Klo, wo meine Verdauung mich noch gute zwei Stunden festhielt. Als ich gegen vier wieder ins Bett kroch, war ich ziemlich geschlaucht, wurde aber immerhin mit leichten, regelmäßigen Wehen belohnt. 

Als mir endlich die Augen zufielen, wurde unsere Zweijährige wach und rief nach mir. 

Ich durfte also wieder raus in das Februar kalte Schlafzimmer uns holte sie zu uns. Während sie sich eng an mich drückte, wurden die Wehen intensiver, nicht schlimm, aber an Schlaf war nicht mehr zu denken. Vater und Tochter sollten vorerst noch ruhig schlafen, also stand ich gegen sechs auf, duschte lang und heiß, bewunderte ein letztes Mal meinen Bauch und machte mir klar, dass es nun wirklich nicht mehr lange dauert bis wir zu viert sind. 

Gegen 7 habe ich die beiden Schlafmützen geweckt und während ich unsere bald-große-Schwester fertig machte und mich um Normalität bemühte, rief mein Mann bei Zwanges in Brussels an. Sophie war am Telefon und versprach zu kommen, sobald ihre Tochter in der Creche ist. 

Sophie kam schließlich um 8.30 Uhr, während unsere Große begeistert mein Frühstück auf futterte, dass ich mehr aus Pflichtbewusstsein aß, denn Hunger hatte ich nun wirklich nicht. 

Zu jeder Wehe stand ich auf und lief herum. Zum einen konnte ich so meine steigende Spannung besser verarbeiten, zum anderen empfand ich es deutlich angenehmer.

Während Sophie mich untersuchte, brachte mein Mann unsere Tochter in die Krippe . Er kam voller Tatendrang wieder, in der Hoffnung bald Richtung Krankenhaus aufbrechen zu können. Und dann das ernüchternde Ergebnis: Muttermund bei drei Zentimetern, Gebärmutterhals säumig. Die folgende Stunde verging wie im Flug, ein bisschen Smalltalk mit Sophie, alle zehn Minuten eine gut auszuhaltende Wehe und dann – nichts immer noch drei Zentimeter. Sophie schickte mich in die Badewanne um zu sehen was passiert. Dort blieb ich erst mal und döste eine weitere Stunde, gestört von den Wehen, die nun doch intensiver wurden. Die Intensität änderte leider wenig am Befund, der Muttermund war noch immer bei drei Zentimetern, dafür war der Saum weg. 

Sophie verabschiedete sich mit der Prognose, dass es noch eine Weile dauern würde und sie erst in der Nacht oder am nächsten Morgen mit der Geburt rechnet. Wir sollten aber natürlich jederzeit anrufen, wenn die Wehen intensiver werden würden, dann würde Elke, kommen. 

Mein Mann fragte Sophie noch, was denn wäre, wenn es nun doch schneller ginge, sie lächelte und sagte, dass sie sich das nicht vorstellen könne, aber sie wären allzeit bereit und wir würden im Zweifel mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus fahren.

Kaum das Sophie weg war, wurden meine Wehen intensiver und ich war vor allem sooo müde. Ich habe versucht mich vorm Fernseher abzulenken und zu dösen, aber liegen war einfach nur unangenehm. Mein Mann überredete mich wenigstens ein bisschen was zu essen. Ein paar Scheiben Knäckebrot später waren die Wehen schon unangenehmer. Liegen, gehen, stehen, Vierfüßler – irgendwie half alles nichts und ich habe mich wieder in die wohlige Wärme der Wanne verkrochen. In der Wanne schlief ich zwischen den Wehen immer wieder tief und fest ein, zu den Wehen zog ich mich in eine möglichst aufrechte Position und atmete konzentriert. Nach ca. einer Stunde schaute mein Mann mal nach mir, für den ich bis dahin keine Verwendung hatte. Ich bat ihn ein paar Stichpunkte zum Verlauf zu machen, damit wir später einen schönen Bericht schreiben können (und um ihn nicht komplett auszuschließen ; ) )

Nach einer Stunde bin ich aus der Wanne geklettert, mir war plötzlich alles zu warm. Ich bat meinen Mann noch einmal die Hebammen anzurufen, langsam wurde es ungemütlich und die Wehen kamen nur noch in vier Minuten Abständen. Elke, die Hebamme die nun Dienst hatte, hatte noch einen Hausbesuch und fragte, ob sie den noch wahrnehmen kann, oder direkt kommen soll. 

Gott sein dank musste ich mal wieder die heldenhafte mimen und ließ sie natürlich den Hausbesuch machen und so nahm alles seinen Lauf. Oft genug hat mir dieses vermeintliche Heldentum Probleme bereitet, aber dieses mal war es mein Glück...

Die kommende Stunde war sehr unangenehm. Die Wehen waren zwar kurz, aber so intensiv, dass ich zu meinem Mann, dass ich wohl doch eine PDA brauche, wenn das noch lange so weiter geht. Ich, die ich nie eine PDA wollte! 

Wir sind in den kühlsten Raum der Wohnung gewechselt, das Schlafzimmer und mein Mann war nun als offizieller Wehenmesser immer mit dabei. Ich bin in den vier Minuten zwischen den Wehen trotz der Intensität immer wieder eingeschlafen. Die Wehen habe ich nach wie vor versucht möglichst aufrecht zu bestreiten, aber es war keine echte Freude. Ich hatte die Uhr immer fest im Blick und zählte die Minuten bis Elke kam, in der Hoffnung, dass sie die rettende Lösung im Gepäck hat – aber die Zeit zooog sich. Um 14.45 Uhr war sie endlich da und mit ihr auch meine Sorgen, dass sich eventuell doch noch nichts getan hatte. Außerdem konnte ich mir so nicht mehr vorstellen ins Auto zu steigen, nicht mit diesen Wehen! 

Ich veratmete noch eine Wehe und stellte mich innerlich darauf ein, dass Elke nicht den erhofften Fortschritt verkünden würde. 

Elke untersuchte mich und sah mich groß an, ich sah meine Befürchtungen schon bestätigt, aber sie fragte mich erstaunt, ob ich noch keinen Pressdrang hätte. Der Muttermund war auf und das Köpfchen schon so tief, dass es so aussah, dass wir es nur noch mit dem Rettungswagen rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen würden. Wir waren uns schließlich aber einig, dass es besser sei daheim zu bleiben, als im Rettungswagen am Straßenrand zu entbinden.

Nun durfte endlich auch mein Mann aktiv werden, er legte Müllbeutel als Matratzenschutz unter das Bettlaken, holte Handtücher und stellte den Heizstrahler ins Schlafzimmer. Elke lief derweil zum Auto um ihre Tasche zu holen und rief ihre Kollegin Elisabeth an. Und ich? Ich blieb ruhig, nun wurde alles gut, die Wehen waren nicht mehr schmerzhaft sondern produktiv und ich hatte den Geburtsort, den ich mir gewünscht hatte.
Während Elke am Auto waren, scherzten mein Mann und ich noch, weil uns beiden irgendwie eine Last von den Schultern gefallen war. 

Die Stimmung war also rundum gut, alle waren bereit unser kleines Wunder zu erleben.

Und dann ging es los, ich saß zwischen den Wehen am Kopfende unseres Bettes und bin zunächst zu jeder Wehe in den Verfüßlerstand gegangen. Ich hatte mit einem viel intensiveren Pressdrang gerechnet, aber der kam nicht und so schob ich nur sanft mit. 

Um 15.15 Uhr kam Elisabeth, die zweite Hebamme. Sie nahm zwischen den Wehen die Herztöne des Babys, die schön variabel blieben. Ich wechselte die Positionen und zwischen den Wehen unterhielten wir uns über Gott und die Welt, das Geburt so entspannt gehen kann, hätte ich kaum gedacht. 

Zwischendurch musste mein Mann einmal telefonieren gehen, als er wieder reinkam, zeigte Elke ihm das kleine Stückchen Kopf, dass zu sehen war. Damit war dann auch die Frage geklärt, wie viel mein Mann nun sehen „muss“ oder eben auch nicht. Ich habe den Kopf dann berührt und es fühlte sich ganz anders an, als erwartet – so weich, ganz weich. Mein Mann holte mir einen Spiegel und in der Tat, da war ein kleines, käseschmieriges Stückchen Haut zwischen meinen Beinen zu sehen. Anstatt mir den letzten Ansporn zu geben, wurden die Pausen zwischen den Wehen länger und ich sollte nun dreimal pro Wehe mit schieben. Um dem ganzen mehr Schwung zu verleihen, ging ich in die tiefe Hocke und Elke sagte mir, dass wir doch noch ins Krankenhaus müssten, wenn sie nicht bald mehr vom Baby sehen würde. Das in Kombination mit einem Blick auf die Uhr, die mir verriet, dass die Große bald abgeholt werden muss, verlieh mir dann die Motivation doch etwas mehr zu schieben. Ich wollte nicht, dass die Große nach so einem langen Tag in der Krippe doch noch woanders hin musste. 

Und nun ging es etwas vorwärts, um 16.45 Uhr sahen wir endlich das Köpfchen, bzw. eine kleine Pylone, die mal ein Köpfchen werden soll. Von da an blieb ich halb aufrecht sitzen und zog bei jeder Wehe meine Beine zu mir. Je tiefer das Baby kam, umso unangenehmer wurde es, das Kleine hat sogar im Geburtskanal noch gestrampelt und seine Schultern an meinem Becken gerieben. Elke und Elisabeth feuerten mich an wie eine Marathonläuferin auf den letzten Metern. Aber ich spürte auch, wie ich riss und konnte so nur mit halber Kraft mit schieben. 

Und dann war es soweit, das Kleine etwas ist raus geflutscht und noch ehe ich wusste, was passiert war sagte Elke: „Take it, it's yours!“, ein Satz der uns noch lange Gänsehaut bereiten wird. 

Wir bestaunten unser Wunder andächtig. Nach einem Moment fragte mein Mann nach dem Geschlecht und ich musste schmunzelnd nachsehen – mir war es noch immer egal, ich hatte ein gesundes Baby daheim auf die Welt gebracht, mehr zählte in dem Moment nicht. 

Es ist ein Mädchen, wir haben noch eine gesunde, kleine, zuckersüße Tochter bekommen! 

Gott sein dank, denn für einen Jungen hätten wir auch noch keinen Namen gehabt. 

Als die Nabelschnur aus pulsiert war, durfte Papa sie durchschneiden. Zunächst zögerte er, aber schließlich griff er doch zur Schere. 

Um 17.30 Uhr wurde die Plazenta geboren, die Elke auf ihre Vollständigkeit prüfte und uns dann erklärte. 

Elke und Elisabeth schauten dann noch nach möglichen Geburtsverletzungen und ich war sehr erleichtert zu hören, dass es nur zwei oberflächliche Risse waren. Während der Untersuchungen stillten wir schon das erste Mal, was auch ziemlich schnell sehr gut klappte. 

Schließlich am der große Auftritt des frisch zweifach Papas, er durfte mit seiner kleinen Tochter kuscheln, während ich ins Bad ging und duschte. 

Als ich wieder zurück kam, sah das Schlafzimmer schon wieder aus, wie am Morgen und nichts deutet auf die Geburt hin, die noch nicht mal eine Stunde her war. 

Der Papa ging los um seine große Tochter endlich aus der Krippe abzuholen und ich beging den größten Fehler des Tages. Anstatt mich voll und ganz auf mein Baby zu konzentrieren, musste ich alle Welt von unserem Glück unterrichten und tippte ohne Pause auf meinem Handy rum. Ich war so froh und happy, dass sie da war und das sie daheim kam, das sollten alle wissen – aber nun wäre es das einzige, was ich ändern würde. 

Und dann hörte ich die Tür, die große Schwester kam heim. Auf Papas Arm kam sie andächtig staunend ins Zimmer und wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte – aber nach einem kurzen Moment war sie Feuer und Flamme und kuschelte mit ihrer neuen Schwester. 

Nach ca. 1,5 Std. verabschiedeten sich Elke und Elisabeth und ich konnte mein Glück noch immer nicht fassen!

Abends machte mein Mann Pizza und die Familie aus Deutschland rief an, sie hatten sich spontan getroffen um auf unser neues Familienmitglied anzustoßen. 

Mein Mann erklärte ihnen, dass eigentlich alles wie am Vortag sei, nur das der Bauch etwas kleiner sei und wir ein Baby da hätten und genau so fühlte es sich an. Unser Baby kam völlig selbstverständlich und wurde ebenso natürlich in unsere Familie integriert. Ich fühlte mich gut, die große Schwester war nicht eifersüchtig und der Papa war glücklich mit seinem Hühnerhaufen.